Der Western, seit Jahrzehnten immer wieder totgesagt und immer wieder reanimiert, kriecht erneut unter seinem knorrigen sonnengebleichten Kreuz am Boot Hill hervor, um allen zu zeigen, dass er, goddammit!, immer noch genug Mumm in den Knochen hat, um der Beste zu sein unter den Gründungsmythen der Welt.
Was macht ihn so unverwüstlich? Einfachheit, Klarheit, Abstraktion?
Sofortige Überschaubarkeit von Charakteren und Kontext?
Die Abbildung eines einmaligen historischen Moments?
Betrachten wir diese 50-Jahres-Spanne zwischen 1840 und 1890, in der etwa 95 Prozent aller Western angesiedelt sind, einmal genauer. Es ist die Zeit des Westward Ho!, der Landnahme durch weiße Siedler. Haben sich deren Vorfahren noch 300 Jahre lang an der Nabelschnur ihrer Mutterländer an der Ostküste Amerikas aufgehalten, so beginnt mit der Gründung der Vereinigten Staaten eine langsame Bewegung Richtung Westen. Noch bestehen die Siedlungen im Osten aus geschlossenen Gemeinden, die ihre sozialen Kodizes aus Europa importiert haben. Mit zunehmender Enge und immer größeren Einwanderungsströmen beschleunigt sich das Vordringen in das große Vakuum im Westen. Die Ureinwohner werden verdrängt und das weite Land Stück für Stück abgesteckt und als neuer Bundesstaat der Union einverleibt. Es bilden sich Siedlungszusammenballungen an Stellen, die besonders fruchtbar sind oder sich durch andere Vorteile wie Rohstoffreichtum auszeichnen. Diese unterscheiden sich in ihrer sozialen Zusammensetzung meist grundlegend von denen im Osten. Es sind eine Vielzahl von Nationalitäten vertreten, die bei der Gründung ihrer neuen Existenz aufeinander angewiesen sind, und deshalb schlussendlich auch darauf, ihre alte Identität abzulegen. Hier werden erstmals Amerikaner geboren.
Mit eben dieser Gründungsphase beschäftigt sich die Fernsehserie Deadwood.
North Dakota Territory. Es ist das Jahr 1876. General Custer wurde vernichtend
am Little Big Horn geschlagen und ganz in der Nähe hat sich ein schmutziges
kleines Goldgräber- und Outlawcamp festgesetzt: Deadwood. North Dakota ist
noch kein Unionsstaat und deshalb keinerlei Gesetzen unterworfen. Hier
herrscht noch das Recht des Stärkeren. Erfolgreich ist in Deadwood, wer die
Mittel besitzt, um seine Interessen durchsetzen zu können. Dass hier nicht
reine Anarchie herrscht, liegt einzig an den rein egoistischen
wirtschaftlichen Interessen des Saloonbesitzers Al Svearangen, dessen Schergen
dafür sorgen, dass Unruhestifter den Schweinen zum Fraß vorgeworfen werden.
In dieses schlammbraune Idyll dringen nach und nach immer mehr Neusiedler ein.
Die Stadt wächst. Ein zweiter Saloon wird eröffnet, ein Lazarett muß wegen
einer Pockenepidemie eröffnet werden, die Union will sich North Dakota
einverleiben und es sollen Gesetze eingeführt werden.
Deadwood ist ein Musterbeispiel für ein soziales Experiment: aus einer
desperaten Zusammenrottung von Individuen entwickelt sich allmählich eine mehr
oder weniger funktionierende Gemeinschaft. Ein überaus komplexes
Beziehungsgeflecht zwischen einer Vielzahl von Protagonisten sorgt für fatale
oder Segen bringende Entwicklungen. Gegnerische Parteien müssen koalieren, um
Probleme in den Griff zu bekommen. Immer wieder muss zwischen Eigen- und
Gemeinschaftsinteressen abgewogen werden. Wer am Anfang noch als positive
Figur erscheint, wird sich im Laufe der Serie die Finger schmutzig gemacht
haben; und wer anfänglich als abgrundtief böse erscheint, entwickelt mit der
Zeit auch menschliche Züge. Sogar der Mörder erhält seinen berechtigten Platz
in der Gemeinschaft.
Misst man die Serie Deadwood an einem Klassiker des Westerngenres, „Der
Mann, der Liberty Valance erschoß“ (R.: John Ford, 1962), so sticht folgendes
ins Auge:
„Liberty Valance“ demontierte 1962 erstmals den Mythos von Law and Order, die
von Washington ausgehend das anarchistische Treiben im Westen unter Kontrolle
brachten, und rückte die Männer (in diesem Fall natürlich, wer sonst, John
Wayne) in den Fokus des Interesses, die aus einem selbst erworbenen
Gerechtigkeitssinn halfen, daß Recht und Ordnung Fuß fassen und ein Sieg über
das Outlawtum errungen werden konnte.
Deadwood hingegen entwickelt ein komplett anderes Bild: hier sind
Verbrechen, rein ökonomisches Interesse, Egoismus, aber auch Idealismus und
Nächstenliebe, von Anfang an integrale Bestandteile einer sich langsam
herausbildenden Gesellschaft. Es wird hier kein Sieg über den bösen Outlaw
errungen, sondern der Outlaw wird durch äußere Umstände dazu gezwungen, an der
Gestaltung der Gesetze selbst mitzuwirken, wobei er natürlich stets seine
egoistischen Interessen zu verteidigen sucht.
Deadwood ist also weniger „Westernserie“ im klassischen Sinne als
episch ausgelegte Grundlagenforschung zur Entstehung der heutigen Gesellschaft
in Amerika, und anderswo, aber in erster Linie natürlich spannende
Unterhaltung.
Wir zeigen die ersten beiden Folgen (Folge 1, Regie: Walter Hill).