prevaboutaktuellgeschichteproduktemuseumservicenext

Fröhliche Wissenschaft

Menschen, Versuche, Unterhaltung

Tomato Juice

Das Fernsehen piesackt die Humanisten auf grausame Weise: Einerseits verspricht es ihnen die attraktivste Verbreitung ihrer Botschaften, andererseits ist wohl kein anderes Medium so schlecht geeignet, wissenschaftliche Zusammenhänge in memorierbarer Form den Köpfen der Menschen einzuprägen. Das Fernsehmuseum zeigt geglückte und missglückte Experimente, Wissenschaft ins Wohnzimmer zu bringen.

Den Beginn macht das Schulfernsehen, das pullunderbewehrt in einer 70er-Jahre-Zeitschleife gefangen ist und von dort vor beigen Tafeln und sägezahnigen Blue-Screen-Einspielern die Berechnung von Grenzwerten erklärt, die dieses Format in seiner asymptotischen Genialität gegen Null bereits lange überschritten hat.

Querschnitte

In eben jenen 70er-Jahren entstand aber auch ein Format, das einen völlig anderen Weg einschlug. Hier legte abends ein intelligenter und charismatischer Moderator messerscharfe Querschnitte durch die Sedimentschichten des Wissens. Dabei gelang ihm das scheinbar Unmögliche: Wissenschaftliche Zusammenhänge wurden anschaulich, verständlich und erinnerbar dargestellt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass mit dem Abgang des Moderators auch das Format für immer vom Bildschirm verschwand. Passend zum grundsätzlichen Anliegen des Fernsehmuseum zeigt die ausgewählte Folge, wie das Sehen funktioniert.

Den Abschluss bildet ein Besuch in der zeitgenössichen Hölle des Unterhaltungsfernsehens. Hier dachte sich eine fleischgewordene Antithese des oben erwähnten Moderators, dass die totale Verspaßung der Inhalte doch das Beste sein müsste, denn mit "Lust und Laune" lerne es sich ja bekanntlich am besten. Ein postfaschistisches Müsli-Theorem, das uns die bunten Bilder der Banalisierung als Augsburger-Puppenkisten-See-Imitatfolie unter dem Narrenschiff der kollektiven Regression beschert hat. Zwingender Sackbahnhof dieses Ansatzes ist ein ebenso asymptotischer Reduktionsprozess, denn Inhalte lassen sich umso komprimierter und unterhaltsamer darstellen, je mehr die Zusammenhänge verkürzt werden - am besten, wenn man ganz auf sie verzichtet. Die Analogie zu den Prozessen in der Wirtschaft ist augenfällig. Hier wie dort gilt nur der Gewinn des Augenblicks: Die Quote ist der Börsenwert, der in der Spekulation um die Zuschauergunst als erste Opfer Verständlichkeit und Verstehen fordert. Übrig bleiben ein an Logorrhöe leidender Moderator und ein offenmundiges Publikum aus nichts als Ohs und Ahs. Vor Implosionen wird gewarnt!

prevaboutaktuellgeschichteproduktemuseumservicenext